Der Paarkonflikt – Paare, die ständig streiten, haben ein Problem.

Martin Heckmann, Dipl.- Psychologe

Der Paarkonflikt und seine Bedeutung

In diesem Artikel wird der Konflikt in engen Beziehungen anhand verschiedener psychologischer und soziologischer Theorien bzw. Studien erläutert.

Begriffsbestimmung: Was ist ein Konflikt bei Paaren?

Paarkonflikt-Streiten-Beziehung

Für die begriffliche Bestimmung eines Partnerschaftkonfliktes findet Lenz (siehe: Lenz 2009: 136) die Definition der Autoren Kline/Pleasant/Whitton/Markman (2006) am geeignetsten. Diese definiert einen Paarkonflikt „als ‘an interaction between persons expressing opposing interests, views, or opinions (…) or (…) as an interaction in which partners hold incompatible goals’“.1

In der Vergangenheit wurde immer wieder der Begriff des verborgenen („covert“) Konflikts diskutiert. Diesen Begriff möchte Lenz (2009) in diesem Zusammenhang nicht gelten lassen. Ein Konflikt könne nur dann ein Konflikt sein, wenn er innerhalb eines Konfliktgeschehens deutlich zum Ausdruck gebracht werde und die „Ziele in einer Interaktion aufeinander stoßen.“ (siehe: Lenz 2009: 137)

Der „unechte Konflikt“

Streit lässt sich nicht immer verhindern – plötzlich ist er da. Oft ist es das fehlende letzte bisschen, das einen Streit mit dem Partner auslöst. Vielleicht reicht ein einziges Wort oder ein unaufgeräumter Küchentisch. Häufig ist er nur ein Ventil für etwas ganz anderes – oft sind es Spannungen, die sich angestaut haben.
Der Begriff des „unechten Konflikts“ geht auf den amerikanischen Soziologen Lewis A. Coser zurück. Danach ist es auch möglich, dass der Grund für einen Konflikt nicht in der Beziehung zweier Partner selbst liegt. Der unechte Konflikt entsteht durch Spannungen, die einer der Partner anderswo aufbaut und in eine Beziehung hineinträgt. Über einen Konflikt mit dem Partner kommt es dann zu einer Abreaktion, obwohl dieser mit dem eigentlichem Grund, der Spannung, rein gar nichts zu tun hat (siehe: Coser 1965: 58).

Beispiel:
Ein Mann hat mit seinem Arbeitskollegen einen Streit. Der Konflikt lässt sich nicht auflösen. Bis zum Feierabend regt er sich immer wieder über seinen Kollegen auf. Diese Spannungen nimmt er dann sozusagen „mit nach Hause“. Es kommt zu einem Konflikt mit der Partnerin. Die Spannungen entladen sich.

Konflikte gehören in vielen Beziehungen dazu

Bei den meisten Paaren gehören Konflikte zur Beziehungsrealität. Das Streiten lässt sich dort nicht völlig vermeiden und im Streit haben die Partner die Möglichkeit, Position zu beziehen und ihren Gefühlen Luft zu machen. Trotz Streit erleben sich viele als Teil einer haltgebenden und unterstützenden Beziehung. Dann hat er etwas Gesundes und Klärendes.

Ohne Konflikte würde der Beziehung etwas fehlen. Sie sind an sich kein Problem. Andererseits werden sie problematisch, wenn sie sehr häufig auftreten oder wenn sie zerstörend sind. (siehe: Bodenmann 2016: 156).

Letztere gehen dadurch an die Substanz, dass gegenseitige Verletzungen und Kränkungen überhand nehmen und sie eine Eigendynamik bekommen, die sich kaum noch unterbrechen lässt. Diese Konflikte werden häufig von einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit begleitet. Dann sind Konflikte zersetzen und einfach nur belastend.

Konfliktthemen bei Paaren

Die Themen, über die unzufriedene und zufriedene Paare streiten, sind in etwa die gleichen. Unzufriedene haben jedoch im Allgemeinen sehr viel häufiger Konflikte. Sie führen Konflikte, die sich nicht beenden lassen und ständig von neuem geführt werden. Während fortlaufende Konflikte bei den zufriedenen Paaren kaum eine Rolle spielen, kommen diese bei den unzufriedenen Paaren dagegen sehr viel häufiger vor.
Typischen Konfliktthemen sind das Sexualleben, die Zuwendung vom Partner, die Erziehung von Kindern, die gemeinsame Gestaltung der Freizeit, die Verwandtschaft, Geld und Eifersucht.2

Beispiele zu den Themen:
Einige Konfliktthemen möchte ich anhand von Beispielen beschreiben:

  • Sexualleben: Themen wie Lust und Unlust.
  • Finanzielles: Einer der Partner beklagt sich über die Ausgaben eines Einkaufs beim anderen: „Immer verfügst Du über das Geld, das ich verdiene.“ In diesem Fall geht es um Geld, aber darüber hinaus geht es um die Verteilung von Macht in einer Beziehung.
  • Eifersucht: In Paarbeziehungen ist Eifersucht ein häufiges Konfliktthema: „Wieso hast Du vorhin geflirtet. Du weißt, dass mir das wehtut.“ Hierbei geht es um die Themen begründete oder unbegründete Eifersucht, Kontrolle bzw. Vertrauensbruch.
  • Angehörige: Die jeweiligen Familien der einzelnen (Eltern, Geschwister, Großeltern) wirken in die Paarbeziehung hinein. Wenn die Schwiegermutter sich bei ihrer Tochter über den Schwiegersohn beklagt, dann kann das bei Paaren zu Konflikten führen. Dabei geht es auch um das Thema Abgrenzung.
  • Freizeit: Ein Partner möchte zusammen mit dem anderen einen Ausflug machen. Der hat aber keine Lust und beide fangen an zu streiten. Bei diesen Konflikten geht es immer auch darum, wessen Wünsche realisiert werden.

Mut haben: Signale erkennen und Veränderung ermöglichen

Wenn sich die Qualität des Streites verändert und die gegenseitigen Kränkungen und Verletzungen zunehmen, spätestens dann sollte das Paar diese Signale erkennen und ernst nehmen. Konflikte entwickeln ihre Eigendynamik. Ab einem bestimmten Zeitpunkt können Verletzungen nicht mehr richtig heilen. Das Paar sollte sich fragen, was falsch läuft in der Beziehung und sich helfen lassen. Innerhalb einer Paartherapie hat das Paar die Möglichkeit, über die Beziehungssituation zu sprechen und mit Unterstützung Schwierigkeiten zu überwinden.

Wenn Paare sich auseinanderbewegen

Ein Signal für Beziehungsprobleme ist das Schweigen. Wenn Paare nicht mehr wirklich miteinander sprechen und nebeneinander herleben, dann kann das eine Paarbeziehung gefährden. Es gibt Partnerschaften, in denen man sich nicht über persönliche Bedürfnisse austauscht. Dort wo man auf engstem Raum zusammen lebt, entstehen auch Verletzungen. Diese werden dann hingenommen und runtergeschluckt. Unausgesprochenes enthält alle Kraft. Verletzungen, ungeklärte Gefühle und aufgeschobene Worte bestimmen irgendwann die Realität in Beziehungen, ob man es will oder nicht. Manche denken vielleicht: Ach, das wird schon wieder. Aber Emotionen wie Ärger, Wut und Zorn trüben die Wahrnehmung und erschweren die Lösung von Problemen. Man ist sprichwörtlich blind vor Wut, streitet sich ständig und immer öfter wegen Kleinigkeiten. Dadurch nehmen die gegenseitigen Verletzungen zu. Eine Paartherapie kann diesen Prozess der Distanzierung bzw. Diskrepanz positiv beeinflussen.

Gibt es Paare, die überhaupt nicht streiten?

Ich finde es undenkbar, dass Menschen, die zusammenleben, sich niemals streiten. Es gibt aber Paare, die selten Streit haben. Einige von diesen Paaren haben einen inneren Pakt geschlossen. Ihnen ist bewusst, dass dauerhafter Streit Ausmaße annehmen kann, die eine Beziehung gefährden.
Vielleicht haben sie als Kind erlebt, dass sich ihre Eltern jeden Tag gestritten, und letztendlich getrennt haben. Wahrscheinlich haben sie darunter sehr gelitten. Einige von ihnen haben bewusst die Entscheidung getroffen: Das soll mir nicht noch einmal widerfahren und meine Kinder sollen das niemals erleben. Ich möchte mit meinem Partner zusammenleben und bin bereit dafür Kompromisse einzugehen.
Andere von ihnen haben die Erfahrung gemacht, dass eine ihrer vorherigen Partnerschaften zerbrochen ist, weil sie und ihr Partner nicht kompromissbereit waren. Sie haben aus dieser Erfahrung gelernt, konstruktiv mit Streitthemen umzugehen und nicht ständig das Eigeninteresse voranzustellen. In der neuen Beziehung gelingt ihnen das immer öfter: Sie setzen sich oft zusammen und sprechen sachlich über Themen, die Streitpotenzial haben. Sie suchen gemeinsam nach Lösungen und gehen Kompromisse ein. Dafür machen sie jeweils Zugeständnisse – mal der eine, mal der andere. Dabei haben sie ein gemeinsames Ziel: Mein Partner ist mir wichtig. Wir sind ein Paar.

Dazu die Gottman-Forschungen
Auch Gottman hat auf diese Frage Antworten gefunden. Er ist mit seinen Paar-Forschungen bekannt geworden. In seinem Paarlabor (Love Lab) hat er seit 1975 die Interaktion von Paaren untersucht und aus den Ergebnissen Konzepte für die Bestimmung der Stabilität einer Beziehungen entwickelt. Dabei wurde das Interaktionsverhalten der Paare systematisch untersucht. Dafür wurden Videoaufzeichnungen angefertigt und die physiologische Erregung beider Partner ermittelt. (siehe: Roesler 2018: 148-149)

Aus seinen Beobachtungen konnte er konkrete Aussagen über die Paarinteraktionen bei Konflikten ableiten. Diese Interaktionen verliefen regelhaft in 3 Phasen: Er konnte feststellen, dass unzufriedene Paare, über alle Phasen, weit davon entfernt blieben, die Gespräche konstruktiv zu führen und Ergebnisse auszuhandeln. Deren Gesprächsverläufe fielen durch folgende Beeinträchtigungen auf: Die Partner hörten einander nicht zu, sie ließen sich nicht ausreden und sie fingen schnell an zu streiten. Es gab andererseits Paare (zufriedene Paare), die die Anliegen des Partners hörten und gleichzeitig ihre würdevolle Anerkennung dafür zum Ausdruck brachten. Auch bei diesen Paaren gehörten Spannungen zur Partnerschaft dazu. Es war aber so, dass es diesen Paaren immer wieder möglich war, entstehende Destruktivität zu korrigieren und dadurch größere Konflikte zu verhindern. Sie schafften es immer wieder aufeinander zuzugehen, sich zu öffnen und dadurch die Beziehung zu stärken. Die Ergebnisse der Gottman-Forschungen zeigen, dass zufriedene Paare insgesamt konstruktiver miteinander umgehen, wodurch Lösungen von Problemen erreichbarer werden (siehe: Gottman 2014: 146-151; Roesler 2018: 150).

Konfliktbeendigung

Konflikte lassen sich auf unterschiedliche Weise beenden. Peterson (1983) hat diese Möglichkeiten zusammenfassend dargestellt.

a) Kompromiss (Compromise)
Die Beteiligten unterlassen weitere Angriffe und bringen zum Ausdruck, dass sie „eine rote Linie“ überschritten haben. Sie verringern ihre zielgerichteten Bestrebungen und verständigen sich über eine Lösung. Von einer echten Versöhnung lässt sich hier nicht sprechen. Es ist eher ein entgegenkommen im Sinne einer Lösungsfindung. Dadurch kann eine spätere Lösung wahrscheinlicher werden. Ein Kompromiss kann das bestmögliche Ergebnis bei konträren Interessen sein (siehe: Peterson 1983: 380; Lenz 2009: 149).

Beispiel: Ein Paar gerät in einen Streit darüber, wer am nächsten Tag das Kind aus der Kita abholt. Sie kommen im Streit an einem Punkt, an dem sie aufeinander zugehen und äußern, dass alles zu sehr ausgeufert sei. Sie sprechen ab, dass das Kind von einem der Partner abgeholt wird und dieser sich dafür nicht um das Abendessen zu kümmern braucht. Der Konflikt ist erst mal beendet. Eventuell finden sie später eine generelle und tragfähige Lösung: Im Wochenzyklus holt generell einer der Partner das Kind aus der Kita.

b) Erfolg und Misserfolg (Domination)
Eine Person setzt ihre Ziel durch, die andere lässt gewähren. Ein Konflikt wird durch den Erfolg für einen, bei gleichzeitigem Misserfolg für den anderen, beendet. Es versteht sich von selbst, dass das keine gute Basis für den weitere Beziehungsverlauf ist. Werden die Bedürfnisse des einen ignoriert, dann erleidet die Beziehung Schaden. Vertrauen wird, soweit es noch vorhanden ist, zerstört. So funktioniert keine gleichberechtigte Partnerschaft. Eher ist es so, dass der Gedemütigte den Wunsch nach Vergeltung verspürt und nur auf den richtigen Moment wartet, um „zurückzuzahlen“ (Peterson 1983: 379; Lenz 2009: 149).

c) Separation
Einer der Konfliktbeteiligten (oder beide) ziehen sich aus dem Konflikt-Geschehen zurück, ohne dass der Konflikt gelöst ist: Der Partner dreht sich um und verlässt den Raum. Eine Eskalation wird verhindert, was eine spätere Lösungssuche eventuell vereinfacht. Beide Partner können sich beruhigen („cool off“) und über die Geschehnisse nachdenken. Es kann möglich sein, dass beiden bewusst wird, dass man so die Beziehung gefährdet (Peterson 1983: 378-379; Lenz 2009: 149). Andererseits deutet der Zurückbleibende das Verhalten des anderen eventuell als aggressive Geste (Peterson 1983).

Er könnte sich z. B.  denken: Immer, wenn es mir wichtig ist einen Konflikt auszutragen, dann spielt er den Überlegenen, den Unnahbaren, den das alles nicht interessiert. Wieder lässt er mich stehen, wie einen Idioten!

Trotzt verhinderter Eskalation bedeutet eine Trennung keine Lösung. Die Gründe für den Konflikt bleiben bestehen. Es bleibt alles beim „alten“ und deshalb ist es wahrscheinlich, dass der Konflikt weitergeführt wird (Peterson 1983; Lenz 2009).

d) Pattsituation (Standoff)
Wenn beide zu der Einsicht kommen, dass sich momentan keine Lösung finden lässt, dann können beide den Konflikt aussetzen und verschieben. Beiden ist klar, dass der Konfliktgrund weiterhin besteht (Lenz 2009: 149).

 

 

 

Literatur:
Coser, Lewis A. (1965) Theorie Sozialer Konflikte. Neuwied: Luchterhand-Verlag

Bodenmann, Guy (2016) Lehrbuch Klinische Paar- und Familienpsychologie. Bern: Verlag Hans Huber, Hogrefe.

Gottman, John & Silver, Nan (2014) Die Vermessung der Liebe. Vertrauen und Betrug in Paarbeziehungen. Stuttgart: Klett-Cotta-Verlag.

Lenz, Karl (2009) Soziologie der Zweierbeziehung. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Peterson, Donald R. (1983), Conflict. In: H. H. Kelley et al., Close Relationships. New York: 360-396

Roesler, Christian (2018) Paarprobleme und Paartherapie. Stuttgart: Kohlhammer.

Schindler, L., Hahlweg, K. & Revenstorf, D. (1998). Partnerschaftsprobleme: Diagnose und Therapie. Berlin: Springer.

Anmerkungen

  1. siehe: (Kline/Pleasant/Whitton/Markman 2006, S. 445, zit. n. Lenz 2009, S. 136)
  2. siehe: Schindler, L., Hahlweg, K. & Revenstorf, D. (1998). Partnerschaftsprobleme: Diagnose und Therapie. Berlin: Springer: 37 u. 69

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