Themen beim Paartherapeuten

Martin Heckmann, Dipl.-Psychologe, November 2018

Wann brauchen Paare Unterstützung?

Paare GesprächePaare kommen aus den unterschiedlichsten Gründen in eine Therapie. Rosmarie Welter-Enderlin (siehe: 2007, S. 87-99) hat diese Themen zusammengefasst. Ich möchte sie hier beschreiben und ergänzend dazu einige Positionen anderer Autoren darlegen.

Aus diesen Beschreibungen ergibt sich ein Panorama der möglichen Themen und Gründe, die Menschen in Partnerschaften dazu führen, Hilfe und Unterstützung von Externen in Anspruch zu nehmen.

Verbundenheit und Autonomie

Halte mich, aber lasse mir Luft zum Atmen.

Bei vielen Paaren erscheinen die jeweiligen Bedürfnisse der einzelnen Partner konträr und deshalb unvereinbar. Ein wichtiges Thema in Paarsitzungen, ist das fehlende Gleichgewicht von Bindung und Autonomie. Beides sind menschliche Grundbedürfnisse. Innerhalb einer Partnerschaft zeigt sich die Bindung als Bezogenheit aufeinander. Das Gleiche gilt für die Autonomie – dem Streben nach Selbstbestimmtheit. Auch dieses Bedürfnis hat jeder immer mal wieder in seiner Partnerschaft. Die Bedürfnisse zweier Menschen sind schwer miteinander abzustimmen bzw. zusammenzubringen. Das erleben die Partner dann als unbefriedigend (siehe: Welter-Enderlin 2007, S. 87-89).

Die jeweiligen Bedürfnisse sind naturgemäß nicht immer gleich und das kann zu Unstimmigkeiten führen. So wünscht sich der Eine z. B. den Partner an seiner Seite, während der Andere etwas mit Freunden, aber ohne dem Partner, unternehmen möchte. Einerseits ist es nötigt, die Bedürfnisse des Partners wahrzunehmen, gegebenenfalls die eigenen Interessen zurückzustellen und für den anderen da zu sein. Damit Beziehungen gelingen kann, ist genauso wichtig, sich auch als eigenständig erfahren zu können, sonst kann sie als einengend und bedrückend erlebt werden.

Fazit: Die jeweils persönlichen Bedürfnisse in Einklang zu bringen, ist nicht immer leicht.

Vielen Paaren gelingt das anfangs gut. Nach dem ersten Kind beginnen meistens die Probleme.
Wie wird der Alltag organisiert, wer kümmert sich ums Kind, wer sorgt für den Lebensunterhalt? Häufig sind es die vorgegebenen tradierten Rollenbilder, die die Partner annehmen, wodurch aber Probleme entstehen. Der Mann (der Versorger) geht einer Beschäftigung nach, sichert das Einkommen und kann sich beruflich verwirklichen. Die Frau übernimmt die Mutterrolle. Sie gibt einen Teil ihres Autonomiewunsches zugunsten der Familie auf und kümmert sich um die Kinder. Die Erwartungen, die an den Partner gestellt werden, bleiben unerfüllt. Das erleben viele Frauen als ungerecht und belastend: Immer muss ich mich um alles kümmern. Das ist problematisch, denn häufig sind sie besser ausgebildet als Männer (siehe: Welter-Enderlin 2007, S. 89; Jellouschek, Jellouschek-Otto 2014, S. 54 u. 135).

Die wissenschaftliche Literatur bestätigt, dass sich nach dem ersten Kind die partnerschaftliche Zufriedenheit für einige Zeit verschlechtert (siehe: Jellouschek / Jellouschek-Otto 2014, S. 54).

Sexualleben

Aufgrund von sexuellen Problemen suchen Paare eine Sexual- oder ein Paarcoaching auf. Ein häufiger Grund ist das abnehmende sexuelle Verlangen. Viele Klienten werden davon beunruhigt und in Partnerschaften führt es zu Problemen.

Rosmarie Welter-Enderlin (2007) merkt dazu an, dass Frauen von einer verminderten sexuellen Aktivität ihres Partners eventuell irritiert sind. Haben Paare Kinder, dann sieht sie sich nicht als begehrenswerte Frau, sondern reduziert auf die Mutterrolle, die sich um die Kinder kümmert (siehe: Welter-Enderlin 2007, S. 95; Jellouschek/ Jellouschek-Otto 2014, S. 103).

So könnte sich die Frau gekränkt fragen: Bin ich denn gar nicht mehr begehrenswert?

Viele Paare haben bestimmte Erwartungen und Vorstellungen, wie die Sexualität in Partnerschaften sein muss. Der Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch (2011) bedauert das, weil sich Paare dadurch Druck aufbauen. Er beschreibt, wie Unterschiede im sexuelle Verlangen bei Paaren zu Unstimmigkeiten führen. Der Partner mit dem schwächerem Verlangen fühlt sich eventuell minderwertig, „falsch” oder gar „krank“ (siehe Schnarch 2011, S.24). Aus dieser Situation heraus gerät er immer mehr in die Defensive. Ein Begegnung auf Augenhöhe, in der sich die Partner als gleichwertig erleben, wird dadurch erschwert. (siehe Schnarch 2011, S.31).

Schnarch beschreibt, dass die Betroffenen besorgt sind und dass sie sich selbst unter Leistungsdruck setzen, um ihre Situation zu verändern. Es ist seine Überzeugung, dass ein verstärktes oder abgeschwächtes sexuelles Verlangen keine Zustände seien, sondern Prozesse, die sich von Zeit zu Zeit einfach so ergeben und wieder verändern. Sexuelle Aktivität ist nicht abhängig von Kultur oder einer Lebenssituation. Das sind Antworten, die er seinen Klienten immer so gibt und an die er immerfort erinnert. Gelingt es den Partnern ein neueres und erweitertes Verständnis von Sexualität zu entwickeln, dann können sie als Paar wieder näher zusammenrücken (siehe: Schnarch 2011, S. 31).

Treue und Fremdgehen

Das Fremdgehen sorgt fast ausnahmslos für eine Krise in der Beziehung – oft führt es sogar zu ihrem Scheitern. In diesem Zusammenhang kritisiert Welter-Enderlin (2007) Kollegen, die die Ansicht vertreten, dass Geheimnisse offengelegt werden müssen, auch wenn eine Affaire oder eine Nebenbeziehung bereits weit zurückliegt. Sie selbst vertritt die Haltung, dass für die Liebe Diskretion notwendig sei: Einem Paar werde durch eine abgerungene Offenlegung nicht geholfen (siehe: Welter-Enderlin 2007, S. 97).

Wecke keinen schlafenden Löwen – Du wirst keine Ruhe mehr finden: Das Abfordern von einer partnerschaftlichen Beichte führt dann eher nicht zu Partnerglück und Neubeginn, sondern wahrscheinlich zu dem Ende der Partnerschaft. Es wird etwas in Gang gesetzt, das womöglich nicht mehr zu stoppen ist.

Für das Paar ergebe sich dadurch eher ein ständiges Thematisieren des Fremdgehens. Das führt nicht zu konstruktiven Lösungen, sondern eher in eine Sackgasse: Die vertiefende Beschäftigung mit dem Thema führe sie hinein in ein belastendes Dauerthema ohne Lösungen (siehe: Riehl-Emde, A. (2003): Liebe im Fokus der Paartherapie. Stuttgart: Klett-Cotta; zit. n. Welter-Enderlin 2007, S. 97).

Stattdessen sollte das Paar den Raum bekommen, um die Paarsituation zu reflektieren und im Anschluss die persönlichen Bedürfnisse nach Autonomie und Bindung bedürfnisgerechter zu gestalten. Affairen markieren bevorstehende Veränderungen (siehe: Welter-Enderlin 2007, S. 98).

Die Motive für ein Fremdgehen sind verschieden. Das Fremdgehen kann als ein Ausbruchsversuch aus einer beengenden Partnerschaft gesehen werden. Hier könnten Freiräume die Partnerschaft positiv verändern. Ein weiterer möglicher Erklärungsversuch für ein Fremdgehen ist eine fehlende Bestätigung vom Partner: Sieht er mich denn gar nicht mehr als Frau? Ich bin doch nicht seine Mutter, die ihm alles hinterherräumt.

Intimität

Unter Intimität versteht man das Erleben von Nähe und Vertrautheit in engen Beziehungen.
Vertrautheit ist unterschiedlich ausgeprägt – sie liegt irgendwo auf einer Achse zwischen den Polen Verschmelzung und Selbstbewahrung, bzw. „Wir“ und „Ich“. Es gibt Paare, bei denen die Partner sehr miteinander verwoben sind und sich so sehr aneinander angleichen, dass der Einzelne mit seinen Eigenarten verlorengeht (Selbstaufgabe). Andererseits gibt es Paare, bei denen die Partner sehr selbstbezogen bleiben und dementsprechend nebeneinander herleben (siehe: Berger, Jörg 2018, S. 95).
Wenn Intimität in einer Beziehung gelingt, dann kann sie eine Basis bieten für zwei starke Persönlichkeiten, vorausgesetzt dass sich beide genügend voneinander abgrenzen (siehe: Welter-Enderlin 2007, S. 92).

In solchen Beziehungen kommen die Eigenarten von jedem zur Geltung. Sie werden anerkannt, respektiert, wodurch Nähe von besonderer Qualität möglich wird.

Kinder oder kinderlos bleiben

Häufig ist ein Kinderwunsch bzw. die Entscheidung für oder gegen ein Kind das Thema der Gespräche. Das Kinderkriegen ist heutzutage eine freie Entscheidung eines Paares. Diese Entscheidung wird erschwert, durch eine kaum noch mögliche Zukunftsplanung – häufig sind Arbeitsverträge zeitlich befristet (siehe: Jellouschek/ Jellouschek-Otto 2014, S.27).
Das sind Themen, die dem Paar nicht abgenommen werden können, die aber im Rahmen einer Therapie Raum bekommen, wodurch klarere Entscheidungen möglich werden. Der Entscheidungsfindungsprozess wird forciert und begleitet.

Die Themen gleichgeschlechtlicher Paare

Probleme für gleichgeschlechtliche Paare ergeben sich aus dem Mangel an Vorbildern, durch eine unzureichende Entlastung aus dem persönliche Umfeld[1] und durch kaum vorhandene Traditionen, die sie sich zu eigen machen können.[2]

Dazu kommt das Thema des coming-out. Die Entscheidung für ein Bekennen der sexuellen Orientierung in Familie, Bekanntenkreis und Beruf schließt auch den Partner mit ein. Das kann zu Interessenkonflikten führen.[3]

Auch vorherige Erfahrungen von Diskriminierung und Gewalt können die Beziehung schwächen und zu Auflösungserscheinungen führen. Nach Göth/ Kohn (2014) sollten diese Themen entsprechenden Raum bekommen.[4]

Trennung und Scheidung

Die Trennung ist ein häufiges und zentrales Thema in einem Paargespräch. Häufig entschließen sich Paare erst zu einer Therapie, nachdem einer der beiden eine Trennungsabsicht zum Ausdruck gebracht hat und eine Trennung unmittelbar bevor steht. Dann wird eine Therapie zu einem letzten Rettungsanker.

Sicherlich ist es ein trauriges Ereignis, wenn ein Paar sich trennt. Manchmal kommt es dazu trotz Therapie. Passiert das, dann hat man auch als Therapeut viele Fragen: Hätten sie es irgendwie doch noch schaffen können? War ich nicht aufmerksam genug? Gab es zu wenig Unterstützung aus dem persönlichem Umfeld?

Trennungen sind schrecklich. Das Paar ist einen langen gemeinsamen Weg gegangen. Beide Partner haben zusammen Erfahrungsschätze gesammelt – und dennoch gibt es keine gemeinsame Zukunft. Das ist traurig.

Natürlich wäre es gut, wenn ein Paar durch Therapiegespräche zufriedener wird und die Probleme gemeinsam überwindet. Ich bin sicher, dass die Beziehung davon zukünftig sehr profitieren würde, wenn beide Partner eine Krise gemeinsam durchständen. In der Psychologie nennt man das Selbstwirksamkeit. Das Paar macht dann die Erfahrung, Probleme gemeinsam überwinden zu können: Wir können unsere Situation verbessern, wenn wir eine Krise haben. Diese Art der Erfahrungen sind sehr wertvoll. Sie führen zu mehr Vitalität und dementsprechend auch zu mehr Gesundheit.

Andererseits bleibt dennoch die Frage: Ist es bei jedem Paar unbedingt das Beste, wenn es zusammenbleibt?

Es gibt sicherlich Paare, deren Trennungsentscheidung ich verstehen kann. Nach meiner Erfahrung gibt es Paare mit sehr destruktiven Dynamiken, wobei sich die Partner jahrelang gegenseitig runterziehen. In solchen Fällen kann ich eine Trennung verstehen. Es macht Sinn, sich in einem solchen Falle durch eine Trennungsbegleitung unterstützen zu lassen.

Auch der Therapeut sollte eine Trennung akzeptieren können

Es gibt Partnerschaften, die eigentlich keine mehr sind. Beide Partner haben sich soweit voneinander entfremdet, dass sie nicht mehr zueinander finden können.

Welter-Enderlin (2007) betont, dass eine Trennung bzw. eine Scheidung für ein Paar eine Option darstelle, die Berater und Therapeuten anerkennen sollten (siehe: Welter-Enderlin 2007, S. 88).

Eine Therapie kann nicht ausnahmslos das Ziel haben, eine Trennung zu verhindern. Der Therapeut muss sich mit dieser Möglichkeit auseinandersetzen und die Entscheidung eines Paares akzeptieren können. Eine Trennung ist manchmal für beide ein besserer Weg: Vielen Paaren mit andauernder leidvoller Erfahrung wäre mit einer Trennung mehr geholfen, als mit einem Ausharren in der Beziehung.

Literatur
Berger, Jörg (2018). Liebe, die immer noch schöner wird. Wie Paare ihr Potenzial besser ausschöpfen. Berlin: Springer-Verlag.

Göth, Margret, R., Kohn, Ralph (2014). Sexuelle Orientierung in Psychotherapie und Beratung. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag.

Jellouschek, Hans & Jellouschek-Otto, Bettina (2014). Familie werden Paar bleiben. Wie man einen wichtigen Lebensübergang meistert. Bern: Verlag Hans Huber.

Rauchfleisch, U., Frossard, J., Waser, G., Wiesendanger, K., Roth, W. (2002). Gleich und doch anders. Psychotherapie und Beratung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und ihren Angehörigen. Stuttgart: J. G. Cotta´sche Buchhandlung.

Schnarch, David (2011). Intimität und Verlangen. Sexuelle Leidenschaft wieder wecken. Stuttgart: J. G. Cotta´sche Buchhandlung.

Welter-Enderlin, Rosmarie (2007). Einführung in die Systemische Paartherapie. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.

Anmerkungen

[1] siehe: U. Rauchfleisch, J. Frossard, G. Waser, K. Wiesendanger, W. Roth: Schwule Paare in: Gleich und doch anders. Psychotherapie und Beratung von Lesben Schwulen Bisexuellen und ihren Angehörigen. J. G. Cotta´sche Buchhandlung, Stuttgart 2002, S. 142-143.
[2] siehe: U. Rauchfleisch, J. Frossard, G. Waser, K. Wiesendanger, W. Roth, : Schwule Paare in: Gleich und doch anders. Psychotherapie und Beratung von Lesben Schwulen Bisexuellen und ihren Angehörigen. J. G. Cotta´sche Buchhandlung, Stuttgart 2002, S. 153.
[3] siehe in: M. Göth, R. Kohn: Sexuelle Orientierung in Psychotherapie und Beratung. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2014, S. 163-164.
[4] siehe in: M. Göth, R. Kohn: Sexuelle Orientierung in Psychotherapie und Beratung. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2014, S. 170.

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